coaching Skip to content

Führung in unsicheren Zeiten: Warum Sie nicht auf alles eine Antwort haben müssen

Wie Führung Orientierung schaffen kann, ohne Sicherheit vorzutäuschen

„Muss ich mir Sorgen um meinen Arbeitsplatz machen?“

Es gibt Fragen, auf die Führungskräfte gerne eine klare Antwort geben würden. Gerade dann, wenn sie keine haben.

Vielleicht wird gerade über eine neue Organisationsstruktur verhandelt. Ein Kostensenkungsprogramm steht im Raum. Investitionen werden überprüft. Aufgaben sollen durch KI anders verteilt werden. Welche Bereiche betroffen sein werden, ist noch nicht entschieden – oder darf noch nicht kommuniziert werden.

Die Mitarbeiter wollen trotzdem wissen, woran sie sind.

Der verständliche Reflex lautet dann: beruhigen.

„Noch ist überhaupt nichts entschieden.“

„Ich gehe nicht davon aus, dass unser Bereich betroffen sein wird.“

„Machen Sie sich erst einmal keine Sorgen.“

Das ist menschlich nachvollziehbar. Führungskräfte sollen Orientierung geben und Stabilität vermitteln. Kaum jemand sagt seinem Team gerne: Ich weiß es im Moment auch nicht.

Doch genau hier beginnt ein Führungsproblem.

Denn Beruhigung ist noch keine Sicherheit. Und ein Versprechen, das später nicht gehalten werden kann, zerstört möglicherweise mehr Vertrauen, als es heute schafft.

Unsicherheit entsteht nicht nur im Kopf der Mitarbeiter

Der Druck in vielen Organisationen ist erheblich.

Knapp sechs von zehn Führungskräften in Deutschland berichten laut McKinsey davon, ständig die Produktivität erhöhen zu müssen, um Umsatz- und Ertragsziele zu erreichen. Gleichzeitig sehen sich drei von vier Unternehmen noch nicht ausreichend darauf vorbereitet, den anstehenden Wandel zu bewältigen.

Auch die gesundheitlichen Belastungen bleiben hoch. Nach einer Auswertung der DAK-Gesundheit stiegen die Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen im ersten Halbjahr 2026 bundesweit um neun Prozent.

Aus solchen Zahlen lässt sich keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten. Sie beschreiben aber ein Umfeld, das viele Führungskräfte aus ihrem Alltag kennen: Erwartungen steigen, Veränderung beschleunigt sich und gleichzeitig nimmt die Gewissheit darüber ab, welche Strukturen, Kompetenzen und Geschäftsmodelle morgen noch tragen.

Deshalb halte ich es für zu kurz gegriffen, Überlastung vorschnell als individuelles Resilienzproblem zu behandeln.

Organisationen erzeugen einen Teil ihrer Unsicherheit selbst.

Durch widersprüchliche Erwartungen. Durch Entscheidungen, die zu lange offenbleiben. Durch unklare Mandate. Durch Transformationen, bei denen sich Ziele verändern, während die Umsetzung bereits läuft. Oder durch Kommunikation, die Sicherheit vermitteln soll, obwohl intern längst um den richtigen Weg gerungen wird.

Kein Resilienztraining kann diese Widersprüche auflösen.

Führungskräfte sitzen häufig genau dazwischen


Besonders anspruchsvoll wird das für Führungskräfte, die zwischen Unternehmensleitung und eigener Mannschaft stehen.

Sie entscheiden nicht über jede Restrukturierung, jedes Budget oder jede strategische Weichenstellung. Trotzdem schauen ihre Mitarbeiter auf sie.

  • Was passiert mit uns?
  • Wie ernst ist die Lage?
  • Was soll ich meinem Team sagen?
  • Was gilt morgen noch?
Damit entsteht ein Widerspruch: Die Führungskraft soll Sicherheit vermitteln, die sie selbst nicht besitzt.

Und dann passiert etwas, das ich in meiner Arbeit mit Führungskräften immer wieder beobachte.

Die Ritterrüstung wird angelegt.

Funktionieren. Stärke zeigen. Zweifel nicht erkennen lassen. Möglichst schnell Antworten liefern.

Diese Rüstung ist nicht grundsätzlich falsch. Führung braucht Stabilität. Wer jede eigene Verunsicherung ungefiltert an die Organisation weitergibt, schafft keine Orientierung, sondern vervielfacht Unsicherheit.

Die Rüstung muss deshalb nicht fallen.

Aber das Visier sollte sich öffnen können.

„Ich weiß es noch nicht“ kann ein sehr klarer Führungssatz sein

Glaubwürdige Führung zeigt sich nicht darin, für jede Situation sofort eine Antwort zu produzieren.

Manchmal ist ein Satz wie

„Das kann ich Ihnen heute noch nicht seriös beantworten.“

stärker als eine gut gemeinte Beruhigung.

Entscheidend ist allerdings, was danach kommt.

Was wissen wir bereits?

Was wissen wir noch nicht?

Welche Entscheidung steht aus?

Wann können wir mit mehr Klarheit rechnen?

Was können wir bis dahin beeinflussen?

Und was entscheiden wir unabhängig davon jetzt?

Damit verändert sich die Führungsaufgabe.

Es geht nicht länger darum, jede Unsicherheit möglichst schnell verschwinden zu lassen. Es geht darum, trotz bestehender Unsicherheit wieder Handlungsfähigkeit herzustellen.

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Manchmal muss erst ausgesprochen werden, was ohnehin im Raum ist

Zur Ritterrüstung gehört noch etwas anderes.

Viele Führungskräfte haben gelernt, möglichst sachlich zu bleiben. Gerade unter Druck.

Doch Organisationen bestehen nicht nur aus Sachfragen.

Wenn eine Restrukturierung angekündigt wird, Menschen um ihre Arbeitsplätze fürchten oder seit Monaten immer neue Anforderungen auf ein Team einwirken, entstehen Angst, Wut, Frustration oder Enttäuschung.

Diese Emotionen verschwinden nicht dadurch, dass niemand über sie spricht.

Sie tauchen an anderer Stelle wieder auf: als Widerstand, Zynismus, Rückzug, Flurfunk oder in Sachdebatten, die plötzlich erstaunlich erbittert geführt werden.

Führung darf das benennen.

„Ich merke, dass hier gerade viel Ärger entstanden ist.“

Oder:

„Ich sehe, dass diese Situation einige von Ihnen verunsichert.“

Das macht Führung nicht zur Therapie.

Es geht auch nicht darum, jede Emotion ausführlich zu bearbeiten oder den nächsten Teamtermin in eine Gruppensitzung zu verwandeln.

Es geht darum, anzuerkennen, was ohnehin vorhanden ist.

Erst danach lässt sich häufig wieder konstruktiv über die Sache sprechen.

Klarheit heißt nicht Gewissheit



Vielleicht liegt darin eines der Missverständnisse moderner Führung.

Wir setzen Klarheit zu schnell mit Gewissheit gleich.

Aber eine Führungskraft kann sehr klar sein und gleichzeitig sagen, dass etwas noch offen ist.

Sie kann unterscheiden zwischen Fakten und Annahmen.

Zwischen dem, was entschieden wurde, und dem, was noch diskutiert wird.

Zwischen Dingen, die die Organisation beeinflussen kann, und solchen, die außerhalb ihres Einflusses liegen.

Und sie kann einen nächsten Schritt definieren, auch wenn der übernächste noch nicht feststeht.

Gerade in Phasen großer Veränderung ist das möglicherweise wertvoller als der Versuch, ein vollständiges Zukunftsbild zu zeichnen.

Denn Menschen benötigen nicht immer die Garantie, dass alles gut wird.

Sie müssen verstehen können, woran sie sind und was sie jetzt tun können.

Führung am Limit beginnt dort, wo die einfache Antwort aufhört



Vielleicht liegt darin eines der Genau diese Situationen interessieren uns auch bei unserem digitalen Symposium „Führung am Limit“.

Nicht die Fälle, in denen das richtige Führungsverhalten ohnehin eindeutig ist.

Sondern jene Momente, in denen mehrere nachvollziehbare Erwartungen gleichzeitig aufeinanderprallen: Kosten senken und Zukunft aufbauen. Orientierung geben und selbst noch auf Entscheidungen warten. Verantwortung übertragen und am Ende trotzdem dafür geradestehen. Veränderung beschleunigen und gleichzeitig Menschen nicht verlieren.

Unternehmer, CEOs, Führungskräfte, Wissenschaftler und ausgewählte Experten betrachten solche Führungsprobleme aus unterschiedlichen Perspektiven. Nicht, um das nächste universelle Führungsmodell zu präsentieren, sondern um die Fragen genauer zu untersuchen, die in Unternehmen gerade tatsächlich auf dem Tisch liegen.

Denn Führung unter Unsicherheit bedeutet selten, zwischen eindeutig richtig und eindeutig falsch zu wählen.

Oft geht es darum, auch ohne vollständige Gewissheit einen verantwortbaren nächsten Schritt zu finden – und anschließend die Konsequenzen zu tragen.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe von Führung:

Nicht Sicherheit zu versprechen, wo keine ist. Sondern so viel Klarheit zu schaffen, dass Menschen wieder handeln können.

Quellen

McKinsey & Company: State of Organizations 2026 / Tektonische Kräfte, Deutschland-Auswertung 2026.

DAK-Gesundheit: Krankenstand im ersten Halbjahr 2026 leicht gesunken, Krankenstandsanalyse des IGES Instituts im Auftrag der DAK-Gesundheit, 20. Juli 2026.

Blog: Mandatsklarheit. Wirkung entfalten.

Markus Porcher

Hallo, ich bin Markus Porcher

Führung verändern. Leadership leben – mit Body & Soul.

Den eigenen Lebensweg zu finden und Top-Entscheider beim nachhaltigen Wachsen zu begleiten, fasziniert mich seit über 30 Jahren. Ich bin kein klassischer Coach. Als Executive Sparring Partner begleite ich ambitionierte C-Suite Executives, Unternehmer und Top-Führungskräfte in Fortune-500-Konzernen, DAX-Unternehmen und im gehobenen Mittelstand durch kritische Transition- und Veränderungsphasen.

Aus hunderten begleiteten Karrieren weiß ich exakt, was an der absoluten Spitze gebraucht wird: Die perfekte Balance aus strategischer Systemexzellenz und persönlicher, mentaler Resilienz.

Mein Versprechen an Sie: Ich helfe Ihnen, Talente anzuziehen, Ihr Team durch den Wandel zu steuern und Ihre neue Rolle mit maximaler Wirkung auszufüllen. Ohne dass Ihr Körper oder Ihre Seele den Preis dafür zahlt.

Haben Sie Fragen oder steht Ihre Transition kurz bevor?
Schicken Sie mir direkt eine E-Mail. Ich freue mich auf den vertraulichen Austausch auf Augenhöhe.

📩 mp@markus-porcher.com

Neueste Blog Artikel

Über Markus Porcher

Markus Porcher begleitet Geschäftsführer, Executives und Führungskräfte in Übergangs- und Transformationssituationen. Nach rund 30 Jahren internationaler HR- und Transformationserfahrung – unter anderem bei IBM – beschäftigt ihn insbesondere die Frage, wie Führungskräfte unter hohem Erwartungsdruck handlungsfähig bleiben und in komplexen Organisationen tatsächlich Wirkung erzeugen.

DAOFLECT® Executive Transition & Impact Sparring
Unternehmerischer Erfolg und persönliche Resilienz – auf Augenhöhe auf den Punkt gebracht.

Executive Success Call
An den Anfang scrollen
Suche